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„Es gibt“, sagte er, „zwei Linien, entlang deren die menschliche Entwicklung vonstatten geht, die Linie des Wissens und die Linie des Seins. Bei richtiger Evolution entwickeln sich die Linie des Wissens und die Linie des Seins gleichzeitig, parallel und unterstützen einander. Aber wenn die Linie des Wissens der Linie des Seins zu weit voraus ist, oder wenn die Linie des Seins der Linie des Wissens voraus ist, dann wird die menschliche Entwicklung falsch und muss früher oder später zu einem Stillstand kommen.

„Die Menschen verstehen, was ‚Wissen’ bedeutet. Und sie verstehen auch die Möglichkeit verschiedener Wissensstufen. Sie verstehen, dass Wissen größer oder geringer sein kann, das heißt von der einen oder der anderen Qualität. Aber sie verstehen dies nicht in Beziehung zum ‚Sein’. ‚Sein’ heißt für sie einfach ‚Existenz’, der die ‚Nicht-Existenz’ entgegengesetzt ist. Sie verstehen nicht, dass Sein oder Existenz auf sehr verschiedenen Stufen und unter sehr verschiedenen Kategorien bestehen kann. Nehmen wir zum Beispiel das Sein eines Minerals und einer Pflanze. Es ist ein verschiedenes Sein. Das Sein einer Pflanze und eines Tieres ist wieder ein verschiedenes Sein. Das Sein eines Tieres und eines Menschen ist ein verschiedenes Sein. Aber das Sein zweier Leute kann sich noch mehr voneinander unterscheiden als das Sein von Mineral und Tier. Das genau ist es, was die Menschen nicht verstehen. Und sie verstehen nicht, dass das Wissen vom Sein abhängt. Sie verstehen nicht nur dies letztere nicht, sondern sie wollen es auch ganz bestimmt nicht verstehen. Und besonders im westlichen Kulturkreis nimmt man an, dass ein Mensch großes Wissen besitzen könne, zum Beispiel könne er ein fähiger Wissenschaftler sein, Entdeckungen machen, die Wissenschaft um ein Stück weiterbringen und zu gleicher Zeit könne er und habe auch das Recht, ein kleinlicher, egoistischer, schwächlicher, neidischer, eitler, spitzfindiger, naiver und zerstreuter Mensch zu sein. Es scheint hier selbstverständlich zu sein, dass ein Professor überall seinen Regenschirm vergisst.

„Und trotzdem ist das sein Sein. Und die Menschen denken, sein Wissen hänge nicht von seinem Sein ab. Die Menschen westlicher Kultur schreiben dem Wissensniveau eines Menschen einen großen Wert zu, aber sie achten nicht das Seinsniveau und schämen sich nicht der geringen Stufe ihres eigenen Seins. Sie verstehen nicht, was das heißt. Und sie verstehen nicht, dass das Wissen eines Menschen von der Stufe seines Seins abhängt.

„Wenn das Wissen dem Sein sehr voraus ist, wird es theoretisch und abstrakt, auf das Leben unanwendbar oder geradezu schädlich, denn statt dem Leben zu dienen und den Menschen zu helfen, besser mit ihren Schwierigkeiten fertig zu werden, beginnt es, das menschliche Leben zu verkomplizieren, fügt neue Schwierigkeiten, neue Störungen hinzu, die vorher nicht da waren.

„Der Grund hierfür ist, dass ein Wissen, das nicht im Verhältnis zum Sein steht, für die wirklichen Bedürfnisse des Menschen nicht groß genug oder nicht geeignet ist. Es wird immer ein Wissen über eine Sache, gepaart mit Unwissenheit über eine andere Sache bleiben; ein Wissen von Einzelheiten, ohne Wissen des Ganzen; ein Wissen der Form, ohne Wissen des Inhalts.

„Solch ein Übergewicht des Wissens über das Sein beobachten wir in der heutigen Kultur. Die Idee des Wertes und der Wichtigkeit der Seinsstufe ist vollständig vergessen. Und ebenfalls hat man vergessen, dass die Wissensstufe durch die Seinsstufe bedingt wird. Tatsächlich ist aber die Möglichkeit des Wissens auf einer bestimmten Seinsstufe begrenzt und endlich. In den Grenzen eines gegebenen Seins kann die Qualität des Wissens nicht verändert werden, und es ist allein die Sammlung von Informationen ein und derselben Natur im Bereich bekannter Grenzen möglich. Ein Wechsel in der Natur des Wissens ist nur in Verbindung mit einem Wechsel in der Natur des Seins möglich.

„Als solches betrachtet, hat das Sein eines Menschen viele verschiedene Seiten. Das charakteristischste Kennzeichen eines modernen Menschen ist das Fehlen der Einheit in ihm und weiterhin das Fehlen sogar von Spuren jener Eigenschaften, die er sich am liebsten zuschreibt, als da sind ‚klares Bewusstsein’, ‚freier Wille’, ein ‚dauerndes Selbst oder Ich’ und die ‚Fähigkeit zu tun’. Es mag Sie überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass das Hauptkennzeichen des Seins eines modernen Menschen, das das Fehlen von allem anderen in ihm erklärt, der Schlaf ist.

„Ein moderner Mensch verbringt sein Leben schlafend. Schlafend wird er geboren und schlafend stirbt er. Über den Schlaf, seine Bedeutung und seine Rolle im Leben werden wir später sprechen. Aber im Augenblick wollen wir nur an etwas denken: was für ein Wissen kann ein schlafender Mensch haben? Und wenn Sie darüber nachdenken und gleichzeitig im Auge behalten, dass Schlaf das Hauptkennzeichen unseres Seins darstellt, dann wird Ihnen sofort klar werden, dass ein Mensch, der wirklich Wissen ersehnt, zuerst darüber nachdenken muss, wie er aufwachen könne, das heißt, wie er sein Sein wandeln könne.

„Äußerlich gesehen, hat das menschliche Sein viele verschiedene Seiten: Aktivität oder Passivität; Wahrhaftigkeit oder eine Neigung zur Lüge; Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit; Mut, Feigheit; Selbstbeherrschung, Lasterhaftigkeit, Erregbarkeit, Egoismus, Bereitschaft zum Selbstopfer, Stolz, Eitelkeit, Eingebildetheit, Fleiß, Faulheit, Moralität, Verderbtheit; all dies und noch viel anderes macht das Sein eines Menschen aus.

„Aber dies alles im Menschen ist vollständig mechanisch. Wenn er lügt, so bedeutet das, dass er nicht umhin kann zu lügen. Wenn er die Wahrheit sagt, so heißt das, dass er nicht umhin kann, die Wahrheit zu sagen, und so ist es mit allem. Alles geschieht, ein Mensch kann nichts weder in sich noch außer sich tun.

„Aber natürlich gibt es Enden und Grenzen. Allgemein gesprochen, ist das Sein eines modernen Menschen von sehr niederer Qualität. Und es kann eine so schlechte Qualität haben, dass keine Wandlung möglich ist. Dies muss man immer im Gedächtnis behalten. Die Menschen, deren Sein noch verändert werden kann, sind sehr glücklich. Aber es gibt Menschen, die endgültig kranke, zusammengebrochene Maschinen sind, mit denen man nichts mehr anfangen kann. Und diese Leute sind in der Mehrheit. Wenn Sie daran denken, werden Sie verstehen, dass nur einige wenige richtiges Wissen erlangen können. Bei den anderen lässt es ihr Sein nicht zu.

„Allgemein gesprochen, ist das Gleichgewicht zwischen Wissen und Sein noch wichtiger als eine getrennte Entwicklung des einen oder des anderen. Und eine getrennte Entwicklung von Wissen oder Sein ist keinesfalls wünschenswert. Trotzdem ist es gerade diese einseitige Entwicklung, die den Leuten besonders anziehend erscheint.

„Wenn das Wissen das Sein überwiegt, weiß ein Mensch, hat aber nicht die Kraft zum Tun. Das ist nutzloses Wissen. Andererseits, wenn das Sein das Wissen überwiegt, hat ein Mensch die Kraft zum Tun, weiß aber nichts, das heißt, er kann etwas tun, aber er weiß nicht, was. Das erworbene Sein wird zwecklos und Anstrengungen erweisen sich als nutzlos.

„In der Geschichte der Menschheit kennen wir viele Beispiele, wo ganze Zivilisationen untergingen, weil das Wissen das Sein überwog oder das Sein das Wissen.“

 

„Was ist das Ergebnis der Entwicklung der Wissenslinie ohne Sein oder der Entwicklung der Seinslinie ohne Wissen?“ fragte jemand während eines Gespräches über diesen Gegenstand.

„Die Entwicklung der Wissenslinie ohne die Seinslinie ergibt einen schwachen Yogi“, sagte G., „das heißt, einen Menschen, der vieles weiß, aber nichts tun kann, einen Menschen, der nicht versteht (er betonte diese Worte),  was er weiß, einen Menschen ohne Urteilskraft, das heißt, einen Menschen, für den es keinen Unterschied zwischen einer Wissensart und einer anderen gibt. Und die Entwicklung auf der Seinslinie ohne Wissen ergibt einen dummen Heiligen, das heißt einen Menschen, der vieles tun kann, aber nicht weiß, was er tun soll; und wenn er irgend etwas tut, handelt er in Gehorsam zu seinen subjektiven Gefühlen, die ihn weit von seinem Wege abführen und ihn veranlassen können, schwere Fehler zu begehen, das heißt, genau das Gegenteil von dem zu tun, was er will. In beiden Fällen werden sowohl der schwache Yogi als auch der dumme Heilige zu einem Halt gebracht. Keiner von beiden kann sich weiterentwickeln.

„Um dies zu verstehen und um im Allgemeinen die Natur des Wissens und die Natur des Seins, wie auch ihre Wechselbeziehung zueinander zu verstehen, muss man zuerst die Beziehung von Wissen und Sein zum ‚Verstehen’ begreifen:

„Wissen ist eine Sache, Verstehen eine andere.

„Oft verwechseln die Menschen diese Begriffe und vermögen nicht klar den Unterschied zwischen ihnen zu erfassen.

„Wissen an sich führt nicht unbedingt zum Verstehen. Auch wird das Verstehen nicht durch eine Vermehrung des Wissens allein vergrößert. Verstehen wird durch die Beziehung des Wissens zum Sein bedingt, Verstehen ist das Ergebnis von Wissen und Sein. Und Wissen und Sein dürfen nicht zu weit voneinander abweichen, sonst wird sich das Verstehen als von beiden zu weit entfernt erweisen. Auch verändert sich die Beziehung des Wissens zum Sein nicht nur durch ein Wachstum des Wissens. Sie verändert sich nur, wenn das Sein gleichmäßig mit dem Wissen wächst. In anderen Worten: das Verstehen wächst nur mit dem Wachstum des Seins.

„Im gewöhnlichen Denken unterscheiden die Menschen nicht zwischen Verstehen und Wissen. Sie glauben, dass ein größeres Verstehen von einem größeren Wissen abhänge. Darum häufen sie Wissen an oder das, was sie Wissen nennen, aber sie wissen nicht, wie sie Verstehen anhäufen können und kümmern sich auch nicht darum.

„Und trotzdem weiß ein Mensch, der in der Selbst-Beobachtung geübt ist, ganz sicher, dass er in verschiedenen Zeiten seines Lebens eine und dieselbe Idee, einen und denselben Gedanken auf vollständig verschiedene Weise verstanden hat. Er findet es oft seltsam, dass er etwas so falsch verstanden hat, was er nun, seiner Meinung nach, richtig versteht. Und er erkennt gleichzeitig, dass sein Wissen sich nicht gewandelt hat und dass er damals genau so viel über den betreffenden Gegenstand wusste wie jetzt. Was also hat sich verändert? Sein Sein hat sich verändert. Und wenn einmal das Sein sich verändert hat, muss sich auch das Verstehen wandeln.

„Der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen wird klar, wenn wir erkennen, dass Wissen die Funktion eines einzigen Zentrums sein kann. Verstehen hingegen ist die Funktion aller drei Zentren. So kann der Denkapparat etwas wissen, aber Verstehen kommt nur dann zustande, wenn ein Mensch gleichzeitig fühlt und empfindet, was damit gemeint ist.

„Wir haben früher über die Mechanisiertheit gesprochen. Ein Mensch kann nicht sagen, er verstehe die Idee der Mechanisiertheit, wenn er sie nur mit seinem Verstand weiß. Er muss sie mit seinem ganzen Bestand, mit seinem ganzen Sein fühlen; dann wird er sie verstehen.

„Auf dem Gebiet der praktischen Tätigkeit können die Menschen sehr gut zwischen bloßem Wissen und Verstehen unterscheiden. Sie erkennen, dass wissen und wissen wie zu tun, zwei verschiedene Dinge sind und wissen wie zu tun nicht allein durch Wissen geschaffen wird. Aber außerhalb des Gebietes praktischer Tätigkeit versteht man nicht klar, was ‚Verstehen’ eigentlich heißt.

„Gewöhnlich versuchen die Menschen, wenn sie einsehen, dass sie ein Ding nicht verstehen, für das, was sie nicht verstehen, einen Namen zu finden. Und wenn sie einen Namen gefunden haben, dann sagen sie, sie ‚verstünden’. Aber ‚einen Namen finden’ heißt noch nicht ‚verstehen’. Unglücklicherweise geben sich die Leute meistens mit Namen zufrieden. Einem Menschen, der viele Namen kennt, das heißt viele Worte, dem traut man ein großes Verständnis zu - natürlich wieder jedes Gebiet praktischer Tätigkeit ausgenommen, wo seine Unwissenheit sehr schnell zutage treten würde.

 

„Einer der Gründe für die Abweichung der Wissenslinie von der Seinslinie im Leben und den Mangel an Verständnis, der teilweise der Grund und teilweise die Folge dieser Abweichung ist, findet sich in der Sprache, mit der die Leute sprechen. Diese Sprache ist voll von falschen Begriffen, falschen Einteilungen, falschen Assoziationen. Und die Hauptsache dabei ist: infolge der Hauptmerkmale des gewöhnlichen Denkvorgangs, das heißt, seiner Vagheit und Ungenauigkeit, kann jedes Wort tausend verschiedene Bedeutungen haben, je nach dem Material, das der Sprecher zu seiner Verfügung hat, und der Mannigfaltigkeit der Assoziationen, die ihn im Augenblick bewegen. Die Menschen verstehen nicht klar, bis zu welchem Grade ihre Sprache subjektiv ist, das heißt, was für verschiedene Dinge jeder von ihnen sagt, während er dieselben Worte benützt. Man sieht nicht ein, dass jeder von ihnen seine eigene Sprache spricht und die Sprache anderer Leute entweder nur vage oder überhaupt nicht versteht und keiner eine Ahnung davon hat, dass ein jeder in einer ihm unbekannten Sprache redet. Die Menschen haben die sehr feste Überzeugung oder den Glauben, dass sie die gleiche Sprache sprechen und sich untereinander verständigen. In Wirklichkeit ist diese Überzeugung völlig unbegründet. Die gewöhnliche Sprache ist nur dem praktischen Leben angepasst. Die Menschen können einander Informationen praktischer Art mitteilen, aber sobald sie auf ein etwas komplizierteres Gebiet übergehen, sind sie sofort verloren und hören auf, einander zu verstehen, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Sie bilden sich ein, dass sie einander oft, wenn nicht immer, verstehen oder dass sie es jedenfalls können, wenn sie es versuchen oder wollen; sie bilden sich ein, dass sie die Autoren der Bücher, die sie lesen, verstehen und dass auch andere Leute sie verstehen. Das ist also eine der Illusionen, welche die Menschen für sich schaffen und mit denen sie leben. Tatsächlich kann niemand irgendjemand anderes verstehen. Zwei Menschen können die gleiche Sache aus tiefer Überzeugung sagen, aber sie mit verschiedenen Namen bezeichnen und endlos miteinander streiten, ohne den Verdacht zu haben, dass sie genau das gleiche denken. Oder umgekehrt, zwei Menschen können dieselben Worte sagen und sich einbilden, miteinander übereinzustimmen oder einander zu verstehen, während sie in Wirklichkeit absolut verschiedene Dinge sagen und einander nicht im geringsten verstehen.

 

...

 

Während eines Gespräches mit G. in unserer Gruppe – die langsam eine dauernde Einrichtung wurde – fragte ich: „Warum ist, wenn früheres Wissen bewahrt wurde und es, allgemein gesprochen, ein von unserer Wissenschaft und Philosophie getrenntes und diese sogar übertreffendes Wissen gibt, warum ist es dann so sorgfältig verborgen, warum wird es nicht Allgemeingut? Warum wollen die Träger dieses Wissens es nicht dem allgemeinen Lebensstrom überantworten, um einen besseren und erfolgreicheren Kampf gegen Betrug, Übel und Unwissenheit zu führen?“

Das ist, glaube ich, wohl eine Frage, die jedem Menschen in den Sinn kommt, wenn er die erste Bekanntschaft mit esoterischen Ideen macht.

„Hierauf gibt es zwei Antworten“, sagte G., „erstens einmal ist dieses Wissen nicht verborgen. Zweitens kann es, gerade seiner Natur nach, nicht Allgemeingut werden. Wir wollen zunächst die zweite Feststellung untersuchen. Danach will ich Ihnen beweisen, dass Wissen (er betonte das Wort) viel erreichbarer ist für jene, die es verdauen können, als man gemeinhin annimmt. Die ganze Schwierigkeit liegt darin, dass die Menschen es entweder nicht wollen oder nicht aufnehmen können.

„Aber zuerst muss etwas anderes verstanden werden, nämlich, dass Wissen nicht allen, ja nicht einmal vielen zukommen kann. Das ist ein Gesetz. Sie verstehen dies nicht, weil Sie nicht verstehen, dass Wissen, gleich allem anderen in der Welt, stofflich ist. Es ist stofflich, und das heißt, dass es alle Eigenschaften der Stofflichkeit besitzt. Eine der ersten Eigenschaften der Stofflichkeit ist, dass der Stoff immer begrenzt ist, das heißt, die Menge eines gegebenen Stoffes an einem gegebenen Ort und unter gegebenen Bedingungen ist begrenzt. Sogar der Sand in der Wüste und das Wasser des Meeres hat eine begrenzte und unveränderliche Menge. Wenn also Wissen stofflich ist, so bedeutet dies, dass es an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit nur eine begrenzte Menge davon gibt. Man kann sagen, dass die Menschheit für eine gewisse Zeitspanne, sagen wir ein Jahrhundert, eine begrenzte Menge von Wissen zu ihrer Verfügung hat. Aber wir wissen, sogar aus unserer alltäglichen Erfahrung, dass der Wissensstoff ganz verschiedene Eigenschaften besitzt, je nachdem er in kleinen oder in großen Mengen eingenommen wird. In großer Menge, an einem bestimmten Ort, das heißt durch einen Menschen oder, sagen wir, eine kleine Gruppe von Menschen aufgenommen, zeitigt er sehr gute Ergebnisse. In kleiner Menge aufgenommen (das heißt durch jeden Menschen einer großen Menge), zeitigt er überhaupt keine Ergebnisse, oder sogar negative, den Erwartungen entgegengesetzte. Wenn also eine gewisse begrenzte Wissensmenge unter Millionen Menschen aufgeteilt wird, dann wird jeder einzelne sehr wenig davon erhalten, und diese geringe Menge wird weder an seinem Leben noch an seinem Verständnis der Dinge etwas ändern. Und, wie groß auch immer die Summe der Menschen sei, die dieses geringe Quantum Wissen erhalten, in ihrem Leben wird sich nichts ändern, außer vielleicht, dass es noch schwieriger wird.

„Wenn aber dagegen große Wissensmengen in wenigen Leuten konzentriert werden, wird dieses Wissen sehr gute Ergebnisse zeitigen. Von diesem Gesichtspunkt ist es viel vorteilhafter, dass Wissen von einer kleinen Anzahl Menschen bewahrt und nicht unter Massen verstreut wird.

„Wenn wir eine gewisse Menge Goldes nehmen und uns entschließen, eine Anzahl von Gegenständen damit zu vergolden, müssen wir die genaue Anzahl der Gegenstände wissen oder berechnen, die mit dieser Goldmenge vergoldet werden können. Wenn wir versuchen, eine größere Menge zu vergolden, werden sie unregelmäßig, fleckig mit Gold bedeckt sein und viel hässlicher aussehen, als wenn gar kein Gold auf ihnen wäre. Tatsächlich werden wir dann unser Gold verlieren.

„Die Verteilung von Wissen geht nach genau dem gleichen Prinzip vor sich. Wenn es allen gegeben wird, bekommt keiner etwas. Wenn es hingegen bei einigen wenigen aufbewahrt wird, wird jeder genug haben, nicht nur das zu behalten, was er hat, sondern es auch noch zu vermehren.

„Beim ersten Anblick scheint diese Theorie sehr ungerecht zu sein, da die Lage derjenigen, denen das Wissen gleichsam verweigert wird, damit andere einen größeren Anteil erhalten, sehr traurig und härter zu sein scheint, als sie sein sollte. In Wirklichkeit aber verhält es sich nicht so; und in der Verteilung des Wissens gibt es nicht die geringste Ungerechtigkeit.

„Es ist eine Tatsache, dass die allermeisten Menschen gar kein Wissen wünschen. Sie weigern sich, daran Anteil zu nehmen und nehmen nicht einmal die Menge, die ihnen in der Verteilung zur Fristung ihres Lebens zusteht. Besonders zeigt sich dies in Zeiten von Massenverrücktheit, wie in Kriegen, Revolutionen und so fort, wenn die Menschen selbst den geringen Teil von gesundem Menschenverstand, den sie haben, zu verlieren scheinen, und sich in vollständige Automaten verwandeln, sich ganz der Zerstörung in gewaltigem Umfang widmen; das heißt in anderen Worten, wenn sie sogar den Instinkt der Selbsterhaltung verlieren. Dann bleiben gewaltige Wissensmengen sozusagen unverlangt und können an die verteilt werden, die ihren Wert erkennen.

„Darin liegt keine Ungerechtigkeit, weil die Empfänger des Wissens nichts wegnehmen, was anderen gehört. Sie nehmen nur das, was andere als nutzlos abgelehnt haben und was in jedem Falle verloren ginge, wenn sie es nicht nehmen würden.

„Die Sammlung von Wissen durch einige Menschen hängt von der Zurückweisung dieses Wissens durch andere ab.

„Es gibt Zeiten im Leben der Menschheit – die gewöhnlich mit dem Beginn des Untergangs von Kulturen und Zivilisationen zusammenfallen –, wo die Massen unwiederbringlich ihre Vernunft verlieren und alles zerstören, was Jahrhunderte und Jahrtausende an Kultur geschaffen haben. Solche Zeiten von Massenverrücktheit, die oft mit geologischen Kataklysmen, Klimawechseln und ähnlichen Erscheinungen planetarischen Charakters zusammenfallen, befreien eine große Menge von Wissensstoff. Das wiederum erfordert die Arbeit, das Wissen zu sammeln, weil es sonst verlorenginge. So fällt die Arbeit, zerstreuten Wissensstoff zu sammeln, oft mit dem Beginn der Zerstörung von Kulturen und Zivilisationen zusammen.

„Dieser Aspekt der Frage ist klar. Weder will die Menge noch sucht sie Wissen, und die Führer der Menge versuchen in ihrem eigenen Interesse, die Furcht und Abneigung gegen alles Neue und Unbekannte zu verstärken. Die Sklaverei, in der die Menschheit lebt, beruht auf dieser Furcht. Es ist sogar schwer, sich alle Schrecken dieser Sklaverei auszumalen. Wir verstehen nicht, was die Menschen verlieren. Aber um den Grund dieser Sklaverei zu verstehen, genügt es zu beobachten, wie die Menschen leben, was das Ziel ihrer Existenz, der Gegenstand ihrer Wünsche, Leidenschaften und Strebungen ist, woran sie denken, wovon sie reden, wem sie dienen und was sie verehren. Schauen Sie, wofür die kultivierte Menschheit unserer Zeit ihr Geld ausgibt; selbst wenn wir den Krieg beiseite lassen – was den höchsten Preis erzielt; wo sich die größten Menschenmengen versammeln. Wenn wir einen Augenblick diese Frage bedenken, so wird uns klar, dass die Menschheit in ihrem jetzigen Zustand, mit ihren Interessen, für die sie lebt, nichts anderes erwarten kann, als was sie hat. Aber wie ich schon betonte, es kann nichts anders sein. Nehmen wir an, dass der gesamten Menschheit jährlich ein halbes Pfund Wissensstoff zugeteilt würde. Wenn dieses Wissen an alle verteilt wird, wird jeder so wenig erhalten, dass er der Trottel bleibt, der er war. Aber dank der Tatsache, dass nur wenige dieses Wissen wünschen, können diejenigen, die es annehmen, sagen wir, jeder ein Körnchen erhalten und dadurch die Möglichkeit erlangen, intelligenter zu werden. Alle könnten nicht intelligent werden, auch wenn sie es wünschten, und auch wenn sie intelligent wären, würde es nichts ändern. Es gibt ein allgemeines Gleichgewicht, das nicht gestört werden kann.

„Das ist ein Aspekt. Der andere, wie ich Ihnen schon sagte, besteht darin, dass niemand etwas verbirgt: es gibt überhaupt kein Geheimnis. Aber die Erwerbung oder Weitergabe wirklichen Wissens erfordert große Arbeit und Anstrengung sowohl vom Gebenden als auch vom Empfangenden. Und diejenigen, die das Wissen haben, tun alles, was sie können, um es weiterzugeben und der größtmöglichen Anzahl von Menschen mitzuteilen, den anderen den Zugang zu erleichtern und sie zu befähigen, sich für die Aufnahme der Wahrheit vorzubereiten. Wissen kann aber niemandem durch Zwang vermittelt werden. Und außerdem genügt, wie ich Ihnen schon sagte, eine vorurteilslose Prüfung des Lebens eines durchschnittlichen Menschen, was seine Tage ausfüllt und für was für Dinge er sich interessiert; sie wird sogleich zeigen, ob man die Menschen, die im Besitz des Wissens sind, anklagen kann, dass sie es verbergen, es anderen Menschen nicht mitteilen wollen oder andere nicht lehren wollen, was sie selbst wissen.

„Derjenige, der wissen will, muss die ersten Anstrengungen selbst machen, um die Quelle des Wissens zu finden und sich ihr zu nähern, indem er aus der Hilfe und den Hinweisen Nutzen zieht, die allen gegeben werden, die aber die Menschen in der Regel weder bemerken noch erkennen wollen. Wissen kommt zu keinem Menschen ohne eine Anstrengung seinerseits. Man versteht dies sehr gut in Bezug auf das übliche Wissen, aber im Falle des großen Wissens, wenn man seine Möglichkeit anerkennt, glaubt man, etwas anderes erwarten zu können. Jeder weiß sehr gut: wenn einer zum Beispiel Chinesisch lernen will, so braucht dies mehrere Jahre angestrengter Arbeit. Jeder weiß, dass man mindestens fünf Jahre benötigt, um die Grundlagen der Medizin zu erlernen, und vielleicht doppelt so lang zum Studium der Malerei oder Musik. Und trotzdem gibt es Theorien, die behaupten, dass man Wissen erlangen kann ohne jede Anstrengung seinerseits, dass man es sogar im Schlaf erwerben kann. Dass solche Theorien bestehen können, gibt eine weitere Erklärung, warum die Menschen kein Wissen erlangen können. Gleichzeitig ist es wichtig, zu verstehen, dass die unabhängigen Versuche eines Menschen, in dieser Richtung irgendetwas zu erreichen, kein Ergebnis zeitigen können. Ein Mensch kann nur Wissen erlangen mit Hilfe derer, die es bereits besitzen. Das muss von Anfang an verstanden werden. Man muss von dem lernen, der weiß.“

 

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